Das Vorhaben: Eine etwa zweistündige Aufgabe erfüllen, die persönliche Anwesenheit erfordert – an einem 300 Kilometer entfernten Ort, der nicht unbedingt zentral im öffentlichen Personen-Nah- und Fernverkehrsnetz liegt. Die Rede ist von Schortens im Landkreis Friesland, selbst die nächstgrößere Stadt, meine irgendwie dann doch gefühlte Heimat Wilhelmshaven, kann nicht guten Gewissens als Metropole bezeichnet werden. Schon gar nicht in puncto ÖPNV.

Die Umsetzung – alte Selbstverständlichkeit: Ich bin in der norddeutschen Tiefebene großgeworden, auch für mich war in der ersten Hälfte meines Lebens nichts selbstverständlicher, als bei so einem Vorhaben ins Auto zu steigen und »eben hinzufahren«. Wie es auch selbstverständlich war, zum nächsten Supermarkt mit dem Auto zu fahren oder abends und am Wochenende mit dem Auto einen Freund zu besuchen, ans Meer zu fahren etc. pp.

Und viele würden das bei meinem Vorhaben wohl immer noch so sehen: Vier Stunden und 17 Minuten von Bahnhof zu Bahnhof – und den muss man dann ja erst einmal erreichen beziehungsweise von dort zum eigentlichen Ziel kommen. Je nach Pausengewohnheiten beim Autofahren rechneten die meisten im Vergleich wohl nur mit rund drei Stunden Reisezeit per Pkw – von Tür zu Tür. Gut eineinhalb Stunden Mehraufwand pro Richtung, gibt das den Ausschlag zugunsten des Individualverkehrs?

Die Abwägung: Ich gebe zu, so gern ich früher Auto gefahren bin, so schwer fällt es mir heute. Vor zwanzig Jahren fuhr ich oft viele Stunden am Stück, Zigarettenpausen unnötig, rauchte ich doch am Steuer. Heute bin ich auf kurzen Strecken vom Sekundenschlaf bedroht. Vielleicht auch weil mir Autofahren keinen rechten Spaß mehr macht.

Autofahren als verlorene Lebenszeit mit potentieller Gefahr für Leib und Leben betrachtet, wie wäre die Alternative? In den Zug steigen, schon klar. Doch lässt sich das noch etwas aufpeppen?

Bicycle!
I want to ride my bicycle.

Reisen genießen statt Strecken bewältigen – Umsetzung der besseren Art: Verkehrsmäßig schlecht erschlossene Gegenden sind nach meiner Erfahrung nicht selten landschaftlich reizvoll. Das gilt jedenfalls für Friesland und die niedersächsische Nordseeküste. Also lag es für mich nahe, mein Rad mitzunehmen und so die letzten, besonders mühsamen ÖPNV-Etappen durch eine Radtour zu ersetzen.

Hamburg, Bremen, Oldenburg i.O. – ein Klacks, vor allem mit leichtem Gepäck und leichtem Rad. Dann nur noch bis Varel, und ab an den Jadebusen: Dreißig Kilometer Strecke voraus, überwiegend am Deich mit blauem Himmel, grünem Gras, gnädigem Wind, ebener Strecke und süßen Lämmern. Riesengroßes Heimatgefühl für so nen ollen Friesen wie mich.

Home is … where the dike is.

Aufgabe erfüllt, jetzt retour: Irgendwann droht die Nacht, ohne Schlaf immer weiterfahren durchaus dem Genuss abträglich – zum Glück bieten Freunde einen Schlafplatz in der Wesermarsch an. Bis Varel ist die Strecke zunächst gleich, dann noch ein wenig am Deich weiter und danach rein in die Marsch – bisweilen surreal, wie lang man hier in altem Bauernland gradaus fahren kann. Am nächsten Tag geht’s für mich an den Weserdeich, denn von Berne aus sind es nur 40 Kilometer bis zum Bremer Hauptbahnhof, das spart einmal umsteigen.

Fazit: Zwei Tage, ein Besuch bei Freunden, 150 Kilometer Radvergnügen und etwa sieben Stunden Zugfahrt – als Alternative zu circa 84 Kilogramm CO2-Ausstoss und verschenkter Lebenszeit durch viele Stunden bloßer Konzentration aufs Überleben auf der Autobahn.

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deine inspirierenden Beiträge, alle bisherigen. Manches Mal musste ich jetzt schon an Dich denken auf meinem Rad, wenn auch manchmal mit leichter elektrischer Unterstützung. Diese ist zwar wegen der Herstellung des Akkus nicht sooo umweltfreundlich, aber sie sorgt bei mir für große Motivation mit dem Rad zu fahren. Strecken von über 30 km täglich verlieren so mit Gegenwind ihren Schrecken. Im Herbst wird immerhin ein Auto abgeschafft und ich nehme immer mehr, die von mir so ungeliebte Hürde, die Bahn. Sicherlich ist das alles eine Frage der Gewohnheit. Ich lege jetzt mal meine Zweifel ab.
    Hilfsbereitschaft war schon immer mein Ding und nicht zuletzt habe ich durch Deine Familie diese auch immer wieder selbstverständlich erfahren. Für mich kein Wunder, dass Dir mal eben Geld oder was auch immer geschenkt wird. Danke.

    1. Danke für Deinen Kommentar, Anneke! Ich wünsche Dir viel Freude beim Radfahren – sei herzlich willkommen, bei uns anzuhalten und einzukehren.

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